AKTUELLE AUSSTELLUNG VORSCHAU RÜCKBLICK RÜCKBLICK (St. Ingbert)
Susanne Specht -
UmOrdnung
15. Januar 2012 - 19. Februar 2012
Eröffnung: Sonntag, 15. Januar, 17 Uhr
Es sprechen:
Dr.Christoph Hartmann, Minister für Wirtschaft und Wissenschaft
Dr. Liane Wilhelmus, Universität des Saarlandes, F.R.Kunstgeschichte
Susanne Specht
Die Freiheit im Gesetz
Susanne Specht hat die Bildhauerei im traditionellen Sinne erlernt und ausgeübt.
Das heißt, sie hat einem Stein bestimmter Art und Größe im Bearbeiten mit Hammer
und Meißel eine Gestalt verliehen. Solche Arbeiten befinden sich etwa im Tiergartendreieck
in Berlin, im Nuthepark in Potsdam oder im Skulpturenpark in Heidelberg.
Diese Artefakte bestehen aus einem oder zwei Körpern, sie haben eine bleibende Gestalt,
verdrängen für immer ein bestimmtes Maß an Kubikmeter Raumvolumen.
Seit rund 5 Jahren
hat sich die Arbeitsweise der Künstlerin grundlegend geändert. Sie gestaltet Module,
die durch Addition, durch Zusammenfügen das Werk generieren. Dabei ergibt sich nicht
eine bleibende Gestalt, sondern eine veränderbare. Das einzelne Modul behält seine Form,
wie zuvor die gesamte Arbeit, aber diese entsteht nun aus einer variablen Anzahl von Modulen,
die zu unterschiedlichen Ergebnissen zusammengesetzt werden. Das heißt, die sinnlich erfahrbare
Arbeit im Cercle in Luxemburg muss so nicht ein zweites Mal zu sehen sein.
Wenig verleiht
der Kunst so nachhaltige Dauer, Zuverlässigkeit und Unverrückbarkeit wie die Artefakte der
traditionellen Bildhauerei. Zur Dauer kam als Wesensmerkmal der körperliche Einsatz,
die Handarbeit. Susanne Specht hat vertraute Elemente zum Teil aufgegeben. Die Form ihrer
Module wird von ihr erdacht, die Ausführung übernimmt eine Maschine, wie etwa das Gießen
der Elemente in Leichtbeton oder das Ausdrucken der Form in Kunststoff. Die Zusammensetzung
zur jeweiligen Gestalt übernimmt wieder die Künstlerin.
Bei einer bestimmten Anzahl von
Modulen eines bestimmten Grundtyps sind also eine errechenbare Anzahl an Zusammensetzungen
möglich. Werden zwei Grundtypen eingesetzt, steigert sich die Zahl der Möglichkeiten. Das
Entscheidende in diesem Prozess ist aber nicht die errechenbare Menge der Möglichkeiten oder
gar deren Umsetzung, sondern die Erkenntnis, dass aus einem festgelegten, scheinbar
statischen Regelsystem ohne subjektive Entäußerung die Mannigfaltigkeit hervorgeht.
Theoretisch könnte die Künstlerin allein mit der Werkgruppe Matrix 2 in rot gefasstem Beton
für den Rest ihres Lebens die Welt neu erfinden.
Damit würde sich Susanne Specht jedoch
einer sinnlichen Komponente berauben. Das Material des Moduls, die Maße und das Gewicht,
die Farbe, die Form, all das wird bei der Gestalt, die aus der Fülle der zu denkenden
Möglichkeiten in die Welt entlassen wird, das Werk bestimmen. Und wird am Ende die Dimension
des sinnlich Subjektiven wieder hervorbringen. Was mit regelmäßiger, von Maschinen produzierter,
subjektferner Form begonnen hatte, generiert die Vielfalt, die Harmonie, die Bewegung,
das Subjektive, das Spiel, die daraus resultierende Freude, das Sinnliche und vereint all
dies mit den Fähigkeiten unseres kognitiven und analytischen Verstandes.
Während Arbeiten
aus Matrix 2 oder der Kombination aus Matrix 2 und 1, Module aus rot gefasstem Leichtbeton,
den Charakter des Gebauten, auch Schweren behalten, eine erdverbundene Stabilität, die
ihre Anmut über die Farbe zurück erhält, fließen die Arbeiten mit Titel Formendlos in
tänzerischer Verspieltheit, ranken sich um ihr Metallgerüst und wachsen in ihrer hellen
und leichten Farbgebung bei leichtem Material endlos weiter in die Welt hinaus.
Über die
früheren, aus einem Block gearbeiteten Skulpturen schreibt Birgit Möckel: "Auch wenn
die großformatigen Außenskulpturen ganz bewusst Orte definieren und diese noch so
gravitätisch besetzen, lassen sie doch größtmögliche Freiheit für Bewegungsabläufe
und Denkräume." Da scheint mir der Bassschlüssel für Spechts Schaffen benannt zu sein:
Freiheit für Bewegungsabläufe und Denkräume. Sie wählt allerdings nicht ein flexibles Medium,
wie etwa eine grafische Umsetzung, sondern das aufwendige, schwer umzusetzende, zeitintensive
der Bildhauerei. So führt sie uns am sperrigen Material die Möglichkeit der Freiheit im
Gesetz vor Augen. In einem Material, welches Planung und Technik verlangt, vermag sie die
Schönheit der Freiheit zu setzen und sie von Willkür abzusetzen.
Susanne Specht - Vita
| 1958 | geboren in Saarbrücken |
| 1980-1986 | Hochschule der Künste, Berlin, Meisterschülerin bei Prof.Schoenholtz |
| 1986-1988 | Nachwuchsförderstipendium Nafög Berlin, DAAD-Studienaufenthalt, Bretagne/Frankreich |
| 1987 | Kunstpreis Zweibrücken |
| 1989-1991 | Atelierstipendium der Karl-Hofer-Gesllschaft, Arbeitsstipendium des Senats von Berlin |
| 1990-1991 | Stipendium der Eurocreation / Pepiniere, Niort/Frankreich |
| 1994-2000 | Dozentin/künstlerische Mitarbeiterin an der Universität der Künste, Berlin |
| 2003 | Lehrauftrag, archäologisches Institut Universität Würzburg |
| 2008 | Berufung an die Hochschule Niederrhein, Fachbereich Design, Krefeld |